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Sunday 8 march 7 08 /03 /März 12:27

Anke Willers hat Probleme mit ihrer Bank. Die Bank ist zu lang. Das wiederum liegt an der Zeit. Denn die ist zu kurz. Über kurz oder lang muss sich da was ändern!

 

Mein Alltag und ich, wir haben ein Problem: ein Zeitproblem. Irgendwie habe ich dauernd das Gefühl, Dinge nicht zu schaffen, weil andere Dinge mir wichtiger erscheinen und ich die dann zuerst mache. Was aber zur Folge hat, dass viele Dinge auf die lange Bank kommen. Dort hocken sie dann rum und rufen mir in regelmäßigen Abständen zu: He, ich bin auch noch da, wann kümmerst du dich endlich um mich.


Auf meiner langen Bank hockt zum Beispiel ein Maniküre -Gutschein, den ich von meiner lieben Freundin Inge zum 40. Geburtstag bekam. Ich finde das bedenklich. Denn es bedeutet, dass ich mich seit Jahren nicht angemessen um meine Nägel kümmere. Außerdem ist es nicht nett von mir, wenn ich etwas nicht einlöse, für das jemand anderes Geld ausgegeben hat.


Auf meiner langen Bank hockt außerdem das Informationsblatt der Krankenkasse. Darin steht, dass ich 200 Euro von meinem Beitrag zurückkriege, wenn ich Bonuspunkte sammle.  Dazu, schreibt die Kasse,  müsse ich bloß die kleinen mitgeschickten Coupons von den Ärzten abstempeln lassen, bei denen ich oder die Kinder im letzten Jahr waren. Wie viel Zeit es kostet, die Coupons hin- und her zutragen, schreibt die Kasse nicht.


Außerdem hocken auf meiner langen Bank drei Paar abgelaufene Schuhe, die zum Schuster wollen, eine Kinderskihose mit kaputtem Reißverschluss, zwei Telefonnummern, die ich unbedingt anrufen muss, obwohl ich nicht mehr weiß, zu wem sie gehören. Ein Kühlschrank, der abgetaut werden will. Ein mausgrauer Haaransatz, der sich eine Tönung wünscht. Sowie drei Freundinnen in Kassel, Hamburg und Bielefeld, die mich so lange nicht mehr gesehen haben, dass sie mich auf dem Foto unten links wahrscheinlich gar nicht erkennen.


Nun könnte man zu dem Schluss kommen, dass ich einfach schlecht organisiert bin. Darüber habe ich auch schon nachgedacht, allerdings nur kurz. Denn es kam was Wichtiges dazwischen.


Jetzt aber, versprochen, jetzt werde ich mit die Zeit nehmen. Und das Ganze mal genauer anschauen. Wieso wird meine lange Bank immer länger? Ich komme zu folgenden Ergebnissen:

Ich habe zu wenig Zeit...

...weil Plus plus Plus manchmal minus ist

Das finden Sie unlogisch? Ich erkläre es Ihnen. Nehmen wir das erste Plus. Das erste Plus ist die Tatsache, dass ich eine Familie und zwei aufgeweckte Kinder habe. Ganz dickes Plus! Aber, ich will auch, dass es so bleibt. Und deshalb versuche ich meinen Kindern Zeit zu schenken –mindestens drei, vier Stunden am Tag. Denn soviel Zeit brauche ich schon um Schularbeiten nachzugucken; rosa Rastazöpfe in feines blondes Kinderhaar zu flechten; viermal hintereinander Uno zu spielen und mir dabei nicht anmerken zu lassen, dass ich mit Absicht verliere. Oder auch um angemessen die Bastelarbeit zu bewundern, die aussieht wie ein weißes Blatt mit bunten Schnipseln – obwohl Jette behauptet, es handele sich um einen Wassercomputer(??).


Das zweite Plus ist mein Beruf. Natürlich freue ich mich auch sehr, dass ich einen Job habe, bei dem ich interessante Dinge tun kann und außerdem Geld verdiene. Damit das so bleibt, muss ich aber auch dafür was tun. Und das bedeutet: ungefähr vier, fünf Stunden täglich beschäftige ich mich mit beruflichen Dingen.

So! Dann wäre da noch ein Ehemann,  die Lebensmittelbeschaffung, -zuberei-tung und –vertilgung, die Wäsche- und Aufräumarie,  Sozialkontakte, körperliche Ertüchtigung, unvorhergesehene Arztbesuche, weil Jette mal wieder irgendwo runtergefallen ist... und, ach ja,  schlafen muss ich auch gelegentlich. Macht summa summarum – Sie merken es schon – deutlich mehr als 24 Stunden. Das aber bedeutet: Ich muss irgendwo streichen. Und das wiederum macht meine Bank noch länger. Also: dickes Minus.

Zum Glück weiß ich, dass ich mit diesem Problem nicht alleine dastehe. Neulich las ich einen denkwürdigen Satz. Er lautete: Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist eine Schimäre. Es gibt nichts zu vereinbaren. Es gibt bloß was zu addieren. Der Satz war von Iris Radisch, Mutter dreier Töchter und erfolgreiche Literaturkritikerin. Er hat mir sehr gefallen.


Im Prinzip könnte ich also meine Ursachenforschung hiermit beenden. Schuld an meinem Zeitmangel ist, dass ich beides will: Kinder und Beruf. Punkt.


Punkt? Naja, nicht ganz. Irgendwie erinnere ich mich daran, dass ich damals in der Elternzeit, als ich kaum in der Redaktion war, auch eine ziemlich lange Bank hatte. Außerdem habe ich auch nicht berufstätige Freundinnen, die dauernd stöhnen: Hilfe, mit den Kindern komm ich zu nichts! Das alles lässt mich vermuten, dass wir Mütter auch deshalb zu wenig Zeit haben


.....weil unsere Kinder zuviel davon haben.

Doch wirklich! Das Ganze ist einfach ungerecht verteilt. Bei mir jedenfalls ist es oft so, dass ich ganz dringend was erledingen will, aber nicht dazu komme, weil meine Kinder gerade beschlossen haben, dass noch Zeit genug ist, feine Dame mit Federboa zu spielen. Meine Mädchen haben wie wahrscheinlich 99 Prozent aller Kinder immer das beneidenswerte Gefühl, es sei noch Zeit genug. Sie leben eben jetzt und sind nicht wie ich vom Planwahn und Termindruck befallen. Doch während ich dastehe und drängle und will, dass die feinen Damen endlich ihre Federboa aus und die Regenjacken anziehen, vergeht die Zeit, die ich bräuchte um – sagen wir mal: die Schuhe zum Schuster zu bringen.


Oder morgens zwischen halb sieben und halb acht. Morgens geht es bei uns um Minuten: Ein Kind muss zur Schule, eins in den Kindergarten, beide sollen vernünftig angezogen sein, ein Schulbrot mit ohne Butter in der Tasche haben. Dazu die Einverständniserklärung für den Kindergartenausflug zur Polizei, den Regenschirm mit Ohren, die Trinkflasche. Außerdem braucht Jochen Krawattenberatung und ich eine Frisur. Das alles passt nur in eine Stunde, wenn keiner trödelt.


Leider trödelt immer einer: Heute zum Beispiel verbrachte Jette fünf Minuten vor ihrem Kleiderschrank, weil sie die Klamotten, die ich abends rausgelegt hatte, nicht genehm fand. Zu dem T-Shirt mit Pferd müsse sie dringend die Unterhose mit Pferd anziehen, behauptete sie. Und ich konnte mir überlegen, ob ich jetzt ein anderes T-Shirt suchte oder eine andere Unterhose oder zu diskutieren begann. Alles kostete Zeit.

Nun könnte man natürlich sagen: Liebe Anke Willers, wenn Sie schon so genau wissen, dass immer einer trödelt, müssen Sie eben Pufferzeiten einbauen und früher aufstehen. Sie werden es nicht glauben: Ich habe es versucht. Ich habe meinen Wecker 15 Minuten vor gestellt. Und was passierte: Am Ende wurde alles noch eiliger. Und das lag nicht nur daran, dass mein morgendlicher Biorhythmus 15 Minuten früher noch langsamer getaktet ist als sonst. Sondern auch daran, dass ich mir eingebildet hatte, heute besonders viel Zeit  zu haben und deshalb zwischen Schulbrot und Krawattenberatung noch schnell eine Maschine Weißwäsche aufhängen wollte. Beim Aufhängen musste ich feststellen, dass Prinzessin Lilifee einen rosa Socken zwischen die Wäsche gezaubert hatte und der hatte gefärbt.  Also stopfte ich alles wieder zurück in die Maschine. Dann aber konnte ich den Wäschebleicher nicht finden. Und die Kinder haben trotzdem getrödelt.


Doch verschwenden wir keine Zeit mehr an diesen unerfreulichen Morgen. Und kommen wir zum dritten Punkt meiner Ursachenforschung. Er lautet: Ich habe zu wenig Zeit...,


......weil ich zu selten auf  Vilfredo Pareto höre....

Vilfredo Pareto war italienischer Sozialökonom und er fand raus, dass 80 Prozent des italienischen Volksvermögens von 20 Prozent der Bevölkerung besessen werden. Was nun das italienische Volksvermögen mit unserem unabgetauten Kühlschrank zu tun hat, hat mir Cordula Nussbaum erklärt.

Cordula Nussbaum habe ich im Geburtsvorbereitungskurs kennen gelernt als ich mit Clara schwanger war. Inzwischen gibt sie Seminare für Zeitmanagement und meint, dass Pareto und seine 20/ 80 Regel  auch im Alltag mit zwei Kindern sehr gut funktioniert: „Angenommen, du räumst die Kinderzimmer auf, dann verwendest du 20 Prozent der Aufräumzeit, um es einigermaßen ordentlich zu kriegen. Die restlichen 80 Prozent hältst du dich mit Spielzeugkisten-Sortieren auf, was man hinterher so gut wie nicht sieht, was aber viel Zeit kostet.“


Cordula hat Recht: Spielzeugkisten sortieren ist völlig hoffnungslos. Nicht nur, weil sich in ihnen Dinge befinden, die man noch nie gesehen hat. Sondern auch weil die Kisten 24 Stunden später wieder genauso unordentlich sind wie vorher. Außerdem machen mich meine Kinder jedes Mal zur Schnecke, wenn ich an ihre Sachen gehe. Auch das kostet Zeit: Denn wir müssen uns erst zanken und dann wieder vertragen.

„Du meinst also, ich soll die Kisten so lassen wie sie sind und lieber den Kühlschrank abtauen?“, fragte ich Cordula. „Zum Beispiel“, sagte die, „du könntest aber auch mit Jochen ins Kino gehen.“

Um es kurz zu machen, ich habe weder das eine noch das andere getan: Ich hatte nämlich keine Zeit. Denn ich musste dringend diesen Artikel schreiben. Und das hat länger gedauert als ich dachte. Nachdem ich  20 Prozent der fürs Artikelschreiben veranschlagten Zeit aufgewandt hatte, musste ich nämlich feststellen, dass der Artikel überhaupt noch nicht 80prozentig war, sondern höchstens 50prozentig. Also habe ich noch eine ganze Weile an dem Text rumgefeilt.


Nun stelle ich fest, dass diese Arbeitsweise eindeutig nicht dem Pareto-Prinzip entspricht. Mein Kühlschrank sitzt immer noch auf der langen Bank. Und mein Mann ist allein ins Kino gegangen. Ich sage deshalb: Sorry Vilfredo. Sorry Eisfach. Sorry Jochen. Ich sage aber auch: Danke! Und zwar  an Sie. Denn immerhin haben sie sich die Zeit genommen diesen Artikel zu lesen. Und das, obwohl Sie sicherlich auch einen Kühlschrank haben.

 
Auszug aus dem Buch "Ich bin eine Suchmaschine" von Anke Willers.  

 

 

von Cordula Nussbaum - veröffentlicht in: Miteinander
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Cordula Nussbaum ist Deutschlands erste Expertin für kreativ-chaotisches Zeit- und Selbstmanagement.
Die Münchnerin hat bereits mehre Erfolgs-Ratgeber veröffentlicht und ist selbst bekennende kreative Chaotin. Mehr


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